Buchtipps - Empfehlungen

Aktuelle Buchempfehlungen

Übersicht:

Jean-Luc Bannalec:

Bretonische Verhältnisse

Stefano Benni:

Brot und Unwetter

Terence Blacker:

Boy2Girl

William Boyd:

Eine große Zeit

John Boyne:

Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Renate Feyl:

Lichter setzen über grellem Grund

John Green & David Levithan:

Will & Will

Gernot Gricksch:

Nicht drücken

Wolfgang Herrndorf:

Sand

Bernhard Jaumann:

Steinland

Sibylle Knauss:

Fremdling

Michael Ondaatje:

Katzentisch

Markus Stromiedel:

Der Torwächter

Hubert Reeves:

Wo ist das Weltall zu Ende?

Frank Westerman:

Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts

Rafael Yglesias:

Glückliche Ehe




Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse

Empfohlen von Torsten Lager

Vorhang auf für einen neuen Kommissar: Georges Dupin ist gerade erst in die bretonische Provinz versetzt worden. „Gerade erst” heißt: vor ein paar Jahren. Aber in der Bretagne ist jeder ein Zugezogener, dessen Eltern nicht schon lupenreine bretonische Stammbäume aufweisen können (an welche deutsche Stadt erinnert uns das?). Aber so langsam gewöhnt er sich an das von der hauptstädtischen Hektik so ganz abweichende Leben mit den vielen verschrobenen Typen.

Im Künstlerdorf Pont Aven ist der alte Hotelier Pierre-Louis Pennec erstochen worden. Ein Motiv ist nicht erkennbar. Es scheint auch alles absurd, denn Pennec war bereits über neunzig Jahre alt und wäre laut Auskunft seines Arztes sowieso innerhalb der nächsten Wochen gestorben. Warum tötet man so einen Mann? Es scheint mit Kunst zu tun zu haben. Genauer: Mit einem Gauguin. Noch genauer: Mit einem gefälschten Gauguin. Oder ist es nur eine Fälschung und es gibt gar kein Original dazu? Auf jeden Fall geht jemand dafür über Leichen.

Mit Georges Dupin haben wir eine gelungene Mischung aus Maigret und Brunetti bekommen. Ein sympathischer Mann, koffeinabhängig, aber nicht depressiv. Jean-Luc Bannalec ist halb Bretone, halb aus dem Rheinland (was für eine Kombination) und kann die Atmosphäre der herb-schönen und stürmischen Landschaft der Bretagne wunderbar einfangen. Ich freue mich sehr auf die nächsten Bände (erst recht, wenn der Autor sich noch ein bisschen besser mit dem Genitiv anfreundet).

K & W; € 14,99
ISBN 978-3-462-04406-5
302 Seiten

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Stefano Benni: Brot und Unwetter

Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter

Empfohlen von Torsten Lager

Montelfo ist ein italienisches Dorf, wie man es sich gerne vorstellt. Überschaubar, friedlich (in Maßen) und bevölkert von liebenswerten, etwas exzentrischen Typen. Die treffen sich am liebsten in der „Bar Sport”, dem geistigen und politischen Zentrum von Montelfo. Hier werden alle wichtigen Dinge verhandelt, Gerüchte diskutiert (und gesät), die Vergangenheit verklärt und die Gegenwart gleich mit. Diese Welt ist bedroht (wie überall). Große Baumaschinen fräsen sich durch den Wald, um auch das Zentrum von Montelfo komplett umzugraben und ein „modernes” Einkaufszentrum zu errichten. So haben es sich mächtige Investoren ausgedacht und den Bürgermeister von ihren Plänen „überzeugt” (womit wohl?). Kann man das Schicksal aufhalten?

Anlässlich dieser Bedrohung werden noch einmal viele Geschichten erzählt, eine verrückter und interessanter als die andere, auch wird eine nostalgische Ausfahrt ans Meer unternommen (klar, dass man keine Autobahngebühr zahlt, der Fahrer hat ja auch keinen Führerschein). Die „siebenundzwanzig Verrichtungen zur menschlichen Kultur” bekommt der Leser erläutert, später erfährt er dann noch einiges über „Trioträume”, den klügsten Hund der Welt, den Krieg zwischen zwei der besten Köche, Sofronia und Rasputin, und vieles mehr. Das sollte man alles nicht verpassen. Bennis „Roman” steckt voller kleiner Geschichten, die witzig, deftig, auch traurig und klug sind. Ein sehr italienisches Buch, ich habe viel Spaß daran gehabt.

Wagenbach; € 21,90
ISBN 978-3-8031-3243-7
280 Seiten

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Terence Blacker: Boy2Girl

Aus dem Englischen von Heike Brandt

Empfohlen von Torsten Lager

Matthew ist dreizehn, lebt in einer englischen Kleinstadt und sein Leben ist eigentlich ganz typisch. Seine Eltern wollen zwar immer über alles reden, sind aber ansonsten ganz in Ordnung. Er hat ein paar Freunde, mit denen er sich darüber einig ist, dass Mädchen nerven, Lehrer auch. Alles ganz normal. Doch dann nimmt seine Familie seinen Cousin Sam aus Amerika auf. Der bringt nun alles durcheinander. Er ist frech, scharfzüngig, agressiv – und passt Matthew und seinen Freunden nicht so ganz in den Kram. Zeit, ihn durch eine Mutprobe ein bisschen die Flügel zu stutzen. Sie verlangen von ihm, dass er in der ersten Schulwoche als Mädchen auftritt. Das wird der kleine Macho sich nie trauen.

Denken sie. Aber Sam nimmt die Herausforderung an, aus Sam wird Samantha. Und die ist wahrlich kein Durchschnittsmädchen. Sie lässt den Schulschönling abblitzen, was dieser gar nicht vertragen kann. Sie zeigt den Mädchen, wie man mit Jungs umgehen muss. Aber plötzlich ist sie auch Mittelpunkt einer Schlägerei. Dann wird es komplizierter. Sams krimineller Vater aus den USA taucht auf. Und was macht Sam, als er merkt, dass er für seine, also ihre, beste Freundin etwas mehr empfindet? Auf höchst komische Weise werden alle Rollenklischees gehörig durcheinander gewirbelt. Bis zum dramatischen Showdown ein wirklich witziges und gleichzeitig kluges Buch für Leser und Leserinnen ab 12.

Gulliver TB; € 8,95
ISBN 978-3-407-78973-0
280 Seiten

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William Boyd: Eine große Zeit

Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky

Empfohlen von Torsten Lager

Aus dem Wien Sigmund Freuds durch die Schützengräben Frankreichs und über Verfolgungsjagden in der neutralen Schweiz bis zurück nach London: William Boyd lässt seinen jungen Helden Lysander Rief den Anfang des neuen Jahrhunderts ganz anders erleben als der sich das vorgestellt hatte. Die neuartige psychologische Therapie in Wien ist unerwartet schnell sehr erfolgreich, was aber unerwünschte Folgen hat. Lysander muss halsüberkopf die Stadt verlassen, weil aus einer Affäre ein Vergewaltigungsvorwurf geworden ist. Er weiß genau, dass es nicht stimmt, aber eine Chance hat er vor Gericht nicht. Also flieht er. Dafür ist er anschließend der Regierung Ihrer Majestät etwas schuldig und wird als Geheimagent eingesetzt. Obwohl Lysander keine Ahnung von solchen Dingen hat, reist er nach Genf. Zugute kommen ihm seine Begabung und Ausbildung als Schauspieler. Der geplante Bestechungsversuch misslingt und endet mit einem Toten – der Jäger wird zum Gejagten. Hat er eine Chance? Wem kann er überhaupt nocht trauen?

„Eine große Zeit” lässt die Zeit des Ersten Weltkriegs wiederauferstehen. William Boyds turbulenter Roman ist spannend, unterhaltend und wieder einmal sehr, sehr gut geschrieben. Wie kaum jemand versteht er es, viel Inhalt in einen gut lesbaren Roman zu packen, der den Leser nicht loslässt. William Boyd sollte noch viel bekannter werden.

Berlin; € 22,90
ISBN 978-3-8270-1066-7
446 Seiten

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John Boyne: Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

Empfohlen von Torsten Lager

England, 1919: Der junge Tristan Sadler ist aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt. Äußerlich ist er unverletzt, aber beschädigt ist sein Leben für immer. Aber er hat noch etwas zu klären und fährt nach Norwich, um dort die Schwester seines Freundes Will Bancroft zu treffen. Will und Tristan haben die Grundausbildung gemeinsam absolviert und waren anschließend im selben Regiment im Grabenkrieg. Tristan hat überlebt, Will nicht. Aber nicht deutsche Kugeln haben seinem Leben ein Ende gesetzt. Was ist geschehen?

Es wird eine längere Beichte, die Tristan abzulegen hat. Früh haben Will und Tristan sich angefreundet, aber bald treten auch die Gegensätze zwischen ihnen zu Tage. Tristan ist eher der Angepasste, Zurückgezogene, der den Konflikt scheut. Will hingegen denkt weiter, fragt nach, ergreift Partei. Zum Beispiel für einen radikalen Pazifisten, der noch vor dem Kriegseinsatz von den „Kameraden” umgebracht wird. Ein Muster, dass sich später in den Gräben wiederholen wird. Mit fatalen Folgen. Und Tristan setzt sich nicht für ihn ein.

Ich finde es auffallend (und sehr gut), dass seit einiger Zeit der Erste Weltkrieg auch in der Belletristik eine größere Rolle spielt. Dieser Krieg, der das an Blutströmen nicht arme 20. Jahrhundert eingeläutet hat, ist noch viel zu wenig beschrieben und verstanden. Anhand seiner zwei Hauptpersonen zeigt Boyne, wie ein Krieg auch für den Angegriffenen moralisch nicht einfach ist. England zog zur Verteidigung seiner Werte die Waffen und geriet in Gefahr, genau diese Werte dabei zu verraten. Ein tendenziell unlösbarer Konflikt, für Literatur umso geeigneter. John Boyne hat schon einige hervorragende Bücher geschrieben und doch wird er immer noch besser.

Arche; € 19,95
ISBN 978-3-7160-2664-9
335 Seiten

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Renate Feyl: Lichter setzen über grellem Grund

Empfohlen von Dörte Hell-Rubow

Der Titel zeigt die lange Suche der Malerin Elisabeth Vigée-Lebrun nach dem richtigen Hintergrund für ihre Porträts. 1755 als Tochter des Pastellmalers Louis Vigée geboren, hatte sie das Malen des Vaters schon früh gefangen genommen. Ihr Vater hatte ihr gezeigt, eine Leinwand zu schneiden und die Farben anzureiben, ihr die unterschiedlichen Arbeiten mit Pastell, Öl, und Tempera erklärt. Er prophezeite ihr, sie werde eine große Malerin, eine „Vigée” werden. Mit 12 Jahren fing sie an, heimlich Porträts zu malen. Als ein Malerkollege für eine Ausstellung Pastelle ihres inzwischen verstorbenen Vaters haben wollte, sah er ein Porträt, das Elisabeth von ihrer Mutter gemalt hatte. Er kaufte es ihr sofort ab und arrangierte Malstunden für sie. Von da an trug sie merkbar zum Unterhalt ihrer Familie bei, vergaß aber nie, dass sie noch besser werden wollte. Die Suche nach der Farbmischung für den richtigen Untergrund ließ sie nicht ruhen. Sie porträtierte inzwischen nicht nur die Pariser Oberschicht, auch russische Generäle und Marie Antoinette waren ihre Kunden. Sie verbog sich nie, machte keine Zugeständnisse an ihre hohen Auftraggeber. Sie musste vor den Unruhen der Französischen Revolution fliehen. 12 Jahre lang reiste sie zwischen Italien und Russland, immer bedacht, sich auch unter den schwierigen Verhältnissen zu entwickeln. Die Sehnsucht nach ihrer Malstube bewegte sie schließlich, nach Paris zurückzukehren.

Ein bewegendes Malerschicksal. Es gibt zur Zeit leider keinen Bildband; ich würde nach dieser Lektüre gerne auch ihre Bilder sehen.

Kiepenheuer & Witsch € 19,99
ISBN 978-3-462-04335-8
464 Seiten

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John Green & David Levithan: Will & Will

Aus dem Englischen von Bernadette Ott

Empfohlen von Torsten Lager

Zwei Autoren denken sich zwei Hauptfiguren aus, die einander in manchem recht ähnlich sind: Sie wohnen beide am Rand von Chicago, sind beide 17 Jahre alt, haben Angst vor der Ersten Liebe und heißen beide Will Grayson. Immer abwechselnd beschreiben die beiden ihr Leben. Ihre Freunde in der Schule, im Speziellen ihre jeweilige beste Freundin (Jane bzw. Maura). Doch hier hören die Gemeinsamkeiten dann bald auf. Wirklich?

Will I mag sich selbst nicht eingestehen, dass er in Jane verliebt ist. Jeder weiß es, jeder sieht es. Aber er hat Angst davor. Es könnte schiefgehen, es könnte sein sorgsam abgestecktes Leben durcheinanderbringen. Will II weiß ziemlich genau, dass er in seinen Online-Freund Isaac verliebt ist. Isaac ist der einzige Lichtblick in seinem Leben, das für ihn sonst eher grau ist (er neigt zu Depressionen). Durch einen Zufall begegnen die beiden sich. Und so beginnen die Überschneidungen ihrer Freundeskreise und natürlich die Verwicklungen. Der eine Will sieht viel klarer, was der andere Will nicht wahrhaben möchte. Beide beginnen, aktiv zu werden, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Ich habe selten ein so witziges und gleichzeitig vielschichtiges Buch gelesen. Den beiden Autoren gelingt es durch ihren ziemlich raffinierten Kunstgriff, ganz locker diverse Perspektiven auf die Hauptpersonen zu öffnen. Das Lebensgefühl „Trau ich mich?, ” „Was wollen die alle von mir?”, „Will ich das eigentlich?” usw. fangen die beiden auf höchst unterhaltsame Weise ein. Ein hervorragender, ungewöhnlicher Jugendroman!

cbt; € 14,99
ISBN 978-3-570-16103-6
320 Seiten

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Gernot Gricksch: Nicht drücken!

Empfohlen von Torsten Lager

Da sind sie wieder: Die merkwürdigen Kimono-Frauen aus den „Paulis” und dem „Tal der Buchstabennudeln”. Diesmal machen sie rätselhafte Andeutungen gegenüber Ole und Siri, die beide in die selbe Klasse gehen. Eines Tages bekommen sie dann eigenartige Pakete per Post: Drinnen sind einfach kleine Kästchen mit einem roten Schalter. Draußen steht drauf: „Nicht drücken!” Eine klarere Aufforderung gibt es doch wohl nicht. Die beiden ahnen (noch) nicht, was sie damit anrichten. Alles kommt durcheinander. Der agressive Hund kuschelt und schnurrt wie eine Katze. Oles Vater hat plötzlich immer Zeit für ihn. Tante Petra ändert ihren Beauty-Salon in eine Tattoo-Bude. Alles ist vertauscht. Nur Ole, Siri und ihre gemeinsame Freundin Ivana bleiben, wie sie sind. Anfangs finden Sie das ganz witzig, aber nach einiger Zeit auch etwas anstrengend. Dann bieten die Kimono-Damen an, dass durch ein einfaches kleines Fußballspiel alles wieder zurückgedreht werden kann. Einfach Jungs gegen Mädchen. Ist doch klar, wer gewinnt! Oder? Aber die Jungs haben überhaupt keine Lust auf Fußball. Die Mädchen sind ihnen auch viel zu grob. Siri, Ole und Ivana haben eine schwierige Aufgabe vor sich.

Gernot Gricksch hat wieder ein unterhaltsames Buch geschrieben, in dem Gewohnheiten witzig in Frage gestellt werden. Ein paar fantastische Elemente in einer ansonsten ganz wiedererkennbaren Welt lassen den Roman eigentlich ganz realistisch erscheinen. Für LeserInnen ab 10.

Dressler; € 12,95
ISBN 978-3-7915-0724-8
253 Seiten

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Wolfgang Herrndorf: Sand

Empfohlen von Torsten Lager

Mit Sand erweist sich Wolfgang Herrndorf wieder als ein ganz besonderer Autor. Sein neuer Roman ist ganz anders als der vorige (Tschick) – und wieder sehr gut. Hier weiß jemand genau, was er will und wie er es erreicht. Herrndorf kann einfach schreiben. Und so freut es mich ganz besonders, dass er für seinen neuen Roman den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. Sand war übrigens auch der Favorit aus dem Publikumsvoting.

Die Handlung ist nur schwer zusammenzufassen. In einem langen Prolog werden zwei recht durchschnittlich begabte Polizisten in einem nordafrikanischen Staat (wahrscheinlich Marokko) mit der Untersuchung eines vierfachen Mordes in einer Hippie-Kommune in der Wüste beauftragt. Sie haben nicht viel Lust dazu. Ein Mörder ist auch schon gefunden, aber das ist ihnen zu einfach. Ab dem zweiten Teil steht ein Mann im Mittelpunkt, der in einer Scheune aufwacht, offenkundig am Kopf verletzt wurde und nicht weiß, wer er ist. Klar ist nur, dass ihm verschiedene Leute auf den Fersen sind. Alle sind davon überzeugt, dass er etwas weiß (oder etwas hat), das sie wollen, und die Amnesie nur vorschiebt. Verzweifelt versucht der Mann herauszufinden, was er wissen soll.

Dieser Roman wird seinem Titel ganz gerecht. Festen Boden bekommt man nicht unter die Füße. Die Unwissenheit und Unsicherheit des Protagonisten (er)lebt der Leser mit und nach. Das Buch wimmelt von komischen, absurden und auch grausamen Szenen. Man weiß nicht genau, worauf es hinausläuft, aber dennoch (und auch deswegen) ist es auch sehr spannend. Ein wirklich ungewöhnliches Buch.

Rowohlt Berlin; € 19,95
ISBN 978-3-87134-734-4
479 Seiten

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Bernhard Jaumann: Steinland

Empfohlen von Torsten Lager

Ein neuer Fall für Clemencia Garises aus Windhoek, Namibia. Der Farmer Gregor Rodenstein ist tot. Seine Frau und alle Nachbarn sagen, er sei auf seiner Farm „Steinland” ermordet worden, als sie alle zusammen versucht hätten, einige junge Leute davon abzuhalten, einen Sonnenkollektor zu stehlen. Aber so ganz plausibel ist die Geschichte nicht. Nach einer Verfolgungsjagd durch Windhoek gelingt es Clemencia schnell, einen Verdächtigen festzunehmen. Der erzählt allerdings eine ganz andere Geschichte. Welche stimmt? Und was hat ihr Bruder Melvin damit zu tun? Clemencia ahnt, dass sie eigentlich befangen ist. Sie merkt aber auch, dass sie weitermachen muss, weil auch innerhalb der Polizei zu schnell eine der einfachen Versionen geglaubt und der Fall zu den Akten gelegt werden soll.

Und die Wahrheit ist natürlich um einiges komplizierter. Wenn es um deutschstämmige Farmer in Namibia geht, geht es auch um Politik, genauer: um eins der wichtigsten und schwierigsten Themen nachkolonialer Zeit – um die Landreform. Und den Verdacht, dass nicht unbedingt diejenigen Leute begünstigt werden, die es dringend verdient hätten, sondern – wie immer – die (jetzt) Mächtigen. Ein gefährliches Pflaster für eine engagierte Polizistin. Zumal sich offensichtlich ein Spitzel in ihrem Team befindet.

Bernhard Jaumann hat wieder einen sehr spannenden Krimi geschrieben. Clemencias Tanten pfuschen auch wieder hinein und sorgen für Unterhaltung. Vor allem bleibt es aber bis zum Schluss offen, ob Clemencia die richtige Spur verfolgt und es ihr gelingen wird, die Verantwortlichen zu stellen. Das soll hier nicht verraten werden. Lesen Sie selbst.

Kindler; € 19,95
ISBN 978-3-463-40570-4
318 Seiten

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Sibylle Knauss: Fremdling

Empfohlen von Otto Hell

Wie würde es einem Neandertaler in unserer heutigen Welt ergehen? Könnte er überleben? Sibylle Knauss stellt sich und dem Leser diese Frage – und einige weitere dazu. Etwa: Wie gehen wir mit „Fremdlingen” um, mit Menschen, welche derart anders sind als wir, dass wir sie nicht verstehen können?

Ein Wissenschaftler erzeugt aus der Erbinformation eines Neandertalers eine Eizelle; seine Freundin/Kollegin trägt sie aus und gebiert einen Knaben: nicht ihr Kind und doch ihr Kind. Sein Lebensweg in unserer Zeit ist kein leichter. Wie soll das enden? Das denkt man ständig und mag das Buch nicht aus der Hand legen. Eine überraschende Wendung folgt der anderen. Nun, es endet offen. Sibylle Knauss lässt ihn entkommen, auch aus unserem Blick, dem der Leser. Viel Glück, Jo!

Nach der Lektüre von „Eden” war ich angetan von dieser Autorin, jetzt, nach „Fremdling”, bin ich begeistert.

Hoffmann und Campe; € 22,99
ISBN 978-3-455-40358-9
384 Seiten

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Michael Ondaatje: Katzentisch

Aus dem Englischen von Melanie Walz

Empfohlen von Monika Graefe

Mit seinem Roman „Der englische Patient” erlangte Michael Ondaatje Weltberühmtheit. Der 1943 im ehemaligen Ceylon geborene Autor wurde, wie sein Held Michael in „Katzentisch”, als Elfjähriger auf dem Passagierdampfer Oronsay von Colombo nach England geschickt. Seine Mutter, die sich vom Vater getrennt hatte, erwartet ihn in London.

An Bord trifft Michael auf zwei gleichaltrige, ebenfalls allein reisende Jungen, Ramahdin und Cassius. Im Speisesaal werden alle drei an den Katzentisch gesetzt, der gleichzeitig die unterste Stufe der sozialen Skala auf dem Schiff markiert und außerhalb der Sichtweite des Kapitänstisches liegt. Für diese Drei ohne Elternkontrolle beginnt jetzt das Abenteuer. Alles ist neu und aufregend. Sie erkunden jeden Winkel des Luxusriesen und nehmen sich vor, jeden Tag mindestens ein Verbot zu übertreten. Auf der Reise, die von Colombo über den Golf von Aden, den Suezkanal bis nach England führt, kommen sie mit schrulligen, zwielichtigen und reichlich exzentrischen Passagieren in Kontakt. Vom Barpianisten Max Mazappa lernen sie obszöne Lieder. Am Katzentisch sitzt auch die rätselhafte Miss Lasqueti, die in ihren Jackentaschen lebende Brieftauben verwahrt. Sie probieren Alkohol, verstecken sich in Rettungsboten und klauen Delikatessen vom Frühstücksbüffet der ersten Klasse. Sie freunden sich mit Mr. Daniels an, der im Schiffsbauch einen geheimen Garten mit Gift- und Rauschpflanzen pflegt. Und da ist noch Emily, eine Cousine von Michael, die zufällig auch auf dem Schiff mitfährt, ein fragiles, gefährdetes Wesen. Auf der Oronsay, diesem Mikrokosmos, gibt es alles, Glück, Unglück, Verschwörung, Liebe und Tod.

Als Michael von seiner Mutter in England in Empfang genommen wird, ist er nicht mehr das ahnungslose Kind, das vor drei Wochen in Colombo an Bord ging.

Der Roman sei eine Fiktion, versichert der Autor, aber autobiographische Züge sind dennoch erkennbar. „Katzentisch” ist eine Geschichte, die jede Leserin und jeden Leser verzaubern wird.

Hanser; € 19,90
ISBN 978-3-446-23858-9
300 Seiten

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Hubert Reeves: Wo ist das Weltall zu Ende?

Das Universum meinen Enkeln erklärt.

Aus dem Französischen von Annabel Zettel

Empfohlen von Otto Hell

Der Untertitel trifft es besser: Eine Erklärung unseres Universums auf dem heutigen Kenntnisstand für Jugendliche. Dabei muss Hubert Reeves natürlich auf viele Zusammenhänge verzichten. Jedoch bringt er die Grundideen wunderbar heraus. Er betont auch immer wieder, dass unser Weltbild aus Forschungsergebnissen entsteht und deshalb bei neuen Erkenntnissen stets für Überprüfung und Anpassung offen sein muss.

Eine kurze und leicht zu lesende Einführung in unser heutiges Bild des Universums einschließlich unseres Sonnensystems und unserer Erde.

C.H.Beck; € 14,95
ISBN 978-3-406-63021-7
479 Seiten

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Markus Stromiedel: Der Torwächter

Empfohlen von Torsten Lager

Von heute auf morgen muss Simon umziehen. Plötzlich muss die ganze Familie alle Sachen packen und in das Haus des Großvaters ziehen, der verschwunden ist. Die Erklärungen, die seine Eltern dem Elfjährigen anbieten, sind nicht sehr zufriedenstellend. Und die Rätsel häufen sich: Was ist das für ein Augenpaar, das Simon nachts im Garten leuchten sieht? Und ruft nicht jemand aus der verbotenen Scheune seinen Namen? Was hat es mit dem großen Turm im Ort auf sich, den alle meiden? Simon ahnt, das etwas nicht stimmt.

Zum Glück lernt er Ira kennen. Zuerst ist sie über die Bekanntschaft nicht erfreut, aber nach einer Verfolgungsjagd über die Dächer des Dorfes, sieht sie ein, dass sie ihn wohl nicht so leicht wieder loswird. Und so macht sie ihn auch mit ihren Freunden bekannt. Gemeinsam beschließen sie, das Geheimnis des Turms zu lüften. Sie ahnen nicht, worauf sie sich einlassen....

Markus Stromiedel hat ein sehr spannendes Buch mit Fantasy-Elementen geschrieben, das angenehmerweise ganz ohne Blut, Vampire und Krieg auskommt. Es ist der gut zu lesende Auftakt zu einer neuen Abenteuer-Trilogie. Ich freue mich schon auf die nächsten Teile.

Dressler; € 14,95
ISBN 978-3-7915-1943-2
304 Seiten

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Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Aus dem Niederländischen von Gerd Busse und Gregor Seferens

Empfohlen von Torsten Lager

Dies ist einmal ein Geschichtsbuch der anderen Art. Nichts wird ausgelassen und dennoch ist es gut überschaubar. „Wenn du einen Lipizzaner berührst, berührst du Geschichte”, wurde Frank Westerman als Junge gesagt. In diesem Buch zeigt er, dass es stimmt, und wie sich an diesem Pferd die Konflikte und Zerwürfnisse des letzten Jahrhunderts manifestieren. Das noch immer noch nicht geklärte Verhältnis von Ererbt und Erlernt, der schmale Grat zwischen Beschreibung von Unterschieden und Rassismus, der Zusammenbruch der alten K.u.K.-Welt, der nur eine Generation später im Zweiten Weltkrieg noch einmal auf den Spielplan gesetzt wird – an den Lipizzanern wird alles sichtbar. Nicht nur, weil der namensgebende Ort so oft Staat und Namen wechseln musste (ohne sich vom Fleck bewegt zu haben).

Westerman versteht es, die handelnden Personen in knappen Strichen präsent werden zu lassen. Man hat das Gefühl, seinen Gesprächspartnern selbst gegenüber zu sitzen. Es ist faszinierend und beeindruckend, wie es ihm gelingt, das letzte Jahrhundert noch einmal spannend zu erzählen. Der Bogen ist riesig, aber Westerman ufert nicht aus, sondern bringt den Leser immer wieder zurück zum Ausgangsthema: einer hochinteressanten Pferderasse. Eigentlich interessiere ich mich nicht sehr für Pferde. Eigentlich.

Beck; € 19,95
ISBN 978-3-406-63088-0
287 Seiten

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Rafael Yglesias: Glückliche Ehe

Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann

Empfohlen von Käte Schwarz

Dieser Roman ist ein Rückblick auf eine fast dreißigjährige, glückliche Ehe. Gleichzeitig ist er eine Aufarbeitung der Trauer. Enricos Frau Margaret ist nach schwerer Krankheit verstorben. Nun erzählt er von der Zeit des Kennenlernens, der Freundschaft und Ehe, den Kindern, bis hin zum langen Leiden seiner Frau. Alle Höhen und Tiefen werden noch einmal durchschritten. Wie geht die Familie mit der Krankheit um? Anfangs nur zaghaft, später ausführlicher, sprechen sie über Margaret. Sie tauschen Erinnerungen aus und am Ende verabschieden sie sich. Ein sehr schöner Roman.

Goldmann TB, € 7,99
ISBN 978-3-442-47239-0
443 Seiten

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